Am 10. Mai ist der „Tag gegen den Schlaganfall“. Wir finden, das ist ein wichtiger Tag, denn gerade wenn ein Schlaganfall auftritt, ist Zeit ein wichtiger Faktor und die richtige Behandlung notwendig. Wer einen Schlaganfall erleidet, muss auch in die Radiologie und deshalb haben wir vom Team Fair Imaging das Thema unter die Lupe genommen und auch nachgefragt, was Angehörige tun können und haben geklärt, warum es auch in Zeiten des Coronavirus so wichtig ist, ins Krankenhaus zu gehen.

Mit Priv.-Doz. Dr. med. Eberhard Siebert Oberarzt des Institutes für Neuroradiologie haben wir ein Interview geführt, um das Thema „Schlaganfall“ näher zu betrachten.

Priv.-Doz. Dr. med. Eberhard Siebert

Oberarzt, Campusleitung CCM

Institut für Neuroradiologie

Charité –Universitätsmedizin Berlin

Stellen Sie sich bitte kurz vor.

Als Neuroradiologe habe ich mich auf die bildgebende Diagnostik und minimal-invasive Behandlung neurologischer Erkrankungen spezialisiert, ein faszinierendes Gebiet. Einer meiner Schwerpunkte ist dabei die Behandlung des akuten Schlaganfalls. Auf diesem Gebiet haben sich in den letzten Jahren die Behandlungsmöglichkeiten extrem verbessert. Teil dieses großen Fortschritts zu sein, bedeutet mir viel. Als Operateur ist es immer wieder ein sehr schönes Gefühl, wenn Patienten sich nach einem erfolgreichen Eingriff noch auf dem Behandlungstisch praktisch vollständig erholen.

Was ist ein Schlaganfall?

Bei einem Schlaganfall blockiert ein Blutgerinnsel eine Ader im Gehirn. Das so blockierte Areal bekommt nicht genug Blut und kann daher nicht mehr normal funktionieren. Es stirbt meist innerhalb von Stunden ab. Die so entstehenden neurologischen Symptome sind daher zu Beginn, wenn die Blockade rechtzeitig beseitigt wird, noch rückbildungsfähig. Ist der Gehirnteil hinter der Blockade erst abgestorben, drohen dauerhafte Behinderungen.

Woran kann ich einen Schlaganfall erkennen?

Ein Schlaganfall macht sich zumeist durch „schlagartige“, also plötzlich auftretende neurologische Defizite bemerkbar. Typische Zeichen sind z.B. eine Schwäche einer Körperseite, eine Sprach- oder Sprechstörung, Gefühlsstörungen, Sehstörungen oder Koordinationsstörungen.

Was ist in diesem Fall zu tun?

Es ist von allergrößter Wichtigkeit, dass in dieser Situation schnell gehandelt wird. Jedes Zögern birgt die große Gefahr der Verschlechterung. Es gilt das Prinzip: Time is brain!, denn das Gehirn kann diesen Zustand nicht dauerhaft überleben. Die Alarmierung der Feuerwehr oder des Rettungsdienstes zu jeder Tages- und Nachtzeit ist daher dringend erforderlich. Betroffene werden dann mit dem Rettungswagen in ein Krankenhaus gebracht, das eine sogenannte Schlaganfallstation (Stroke Unit) besitzt und rund um die Uhr Schlaganfälle behandeln kann.

Was wird im Krankenhaus gemacht?

Zunächst werden Sie notfallmäßig neurologisch untersucht und der Neurologe wird Ihnen einige wichtige Fragen stellen. Unmittelbar danach wird eine (neuro)radiologische Bildgebung des Kopfes angefertigt. Dies kann ein CT oder ein MRT sein (siehe Bild 1). Mit diesen beiden Bausteinen kann über eine sogenannte „rekanalisierende Therapie“ entschieden werden, also eine Behandlung, die die Auflösung oder die mechanische Entfernung des Gerinnsels im Kopf zum Ziel hat (Bild 2). Im weiteren Verlauf des Krankenhausaufenthalts wird nach den Ursachen für die Gerinnselbildung gefahndet und auch diese werden gezielt behandelt. Zudem werden erste Rehabilitationsmaßnahmen eingeleitet.

Bild 1 Mittels MRT sind frische Schlaganfälle sehr sicher erkennbar (Pfeil). Dieser nur stecknadelkopfkleine Infarkt liegt im Versorgungsareal der Hand und machte sich beim Betroffenen mit einer vor drei Stunden plötzlich aufgetretenen Feinmotorikstörung und Schwäche der linken Hand bemerkbar.

Bild 2 Bei sehr schweren Schlaganfällen mit großen, weit unten im Gefäßbaum steckenden Gerinnseln (linkes Bild, Pfeil = Ort der Verstopfung durch ein steckengebliebenes Gerinnsel) kann man notfallmäßig mit einer sogenannten Thrombektomie das Gerinnsel über einen neuroradiologischen Kathetereingriff entfernen (2. Bild v.L. das Gerinnsel wurde passiert und es wurde ein sog. Stentretriever gerinnselüberbrückend freigesetzt, erkennbar an den punktförmigen Markierungen). Zusammen mit einer manuellen Saugung am Katheter wurde der Stentretriever mit dem sich darin verhakten Gerinnsel rausgezogen. Der Gefäßbaum ist wieder vollständig bis in alle Äste offen (2. v.R, Rechts: Katheter und Stentretriever mit darin eingeklemmtem und entfernten Gerinnsel). Der Patient war 3 Stunden vorher u.a. plötzlich mit einer vollständigen Lähmung der linken Körperseite, einer Gefühlsstörung und Sprechstörung aufgefallen. Bereits Minuten nach der Entfernung des Gerinnsels verbesserten sich seine Symptome deutlich.

Verursacht die neue Coronainfektion Schlaganfälle?

Es gibt hierzu noch keine verlässlichen Daten. Allerdings mehren sich Hinweise darauf, dass bei an Covid-19 Erkrankten gehäuft Blutgerinnungsstörungen auftreten, die dann u.a. zu Schlaganfällen führen können.

Ich habe große Angst vor Corona. Sollte ich daher Krankenhäuser momentan meiden?

Diese Bedenken sind in der jetzigen Situation sehr nachvollziehbar. Es ist aber von allergrößter Wichtigkeit, dass Sie sich beim Verdacht auf Schlaganfall unverzüglich beim Rettungsdienst oder der Feuerwehr melden, denn nur so können die in Bild 2 beschriebenen wirkungsvollen Therapien in dem Zeitrahmen erhalten, in dem die Erkrankung noch ursächlich behandelbar ist. Andernfalls drohen bleibende schwere Behinderungen, die vermeidbar gewesen wären.

Oft werden wir gefragt, ob Patienten für geplante neurologische Therapien ins Krankenhaus aktuell kommen sollten…

Viele Patienten mit chronischen neurologischen Krankheiten sind dauerhaft in neurologischen Sprechstunden angebunden. Unsere Neurologie bietet seit Kurzem Videosprechstunden an, in denen sich viele Dinge besprechen lassen und das Prozedere für die nächsten Wochen und Monate gemeinsam festgelegt werden kann. Auch telefonisch kann man aktuell Vieles besprechen. Für regelmäßig benötigte Therapien, z.B. bestimmte Infusionen, ist jedoch weiterhin ein kurzer Aufenthalt im Krankenhaus erforderlich und in vielen Fällen empfehlenswert, gerade weil diese Situation ja voraussichtlich noch mehrere Monate anhalten wird.